Neue Studie: Deutsches Agribusiness sieht Wachstumschancen im Ausland
06.12.2011
Das deutsche Agribusiness sieht sich längerfristig als Zukunftsbranche. Vor allem die Auslandsmärkte versprechen erhebliche Wachstumschancen. So lautet das Ergebnis einer aktuellen Studie, die jetzt in Hannover vorgestellt wurde.
Auf kürzere Sicht hat sich die Stimmung des zweitgrößten deutschen Wirtschaftszweigs (nach der Automobilindustrie) allerdings ein wenig eingetrübt. Nur noch 31 Prozent der befragten Unternehmen erwarten eine weitere Verbesserung der Geschäftslage in den kommenden 12 Monaten – vor Jahresfrist lag der Anteil der Optimisten noch bei 60 Prozent. Umgekehrt hat sich die Quote der Unternehmen, die mit einer Verschlechterung rechnen, von 9 auf 14 Prozent erhöht, so die Autoren der Gemeinschaftsstudie von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young, der Universität Göttingen und der Exportförderorganisation Food - Made in Germany e. V. (FMIG).
Die leichte Eintrübung sollte man nach Meinung von Dr. Christian Janze, Branchenexperte bei Ernst & Young, allerdings nicht überbewerten: „Wir müssen sehen, dass die Unternehmen diese Skepsis auf einem sehr hohen Niveau der Geschäftsentwicklung äußern“. Immerhin bezeichnen 77 Prozent der befragten Unternehmen ihre gegenwärtige Geschäftslage als gut, 13 Prozentpunkte mehr als 2010. Und nur 4 (2010: 7) Prozent stufen ihre Situation als schlecht ein.
Ursachen der temporären Zurückhaltung sind offenkundig die Unsicherheit über die wirtschaftliche Entwicklung und die Sorge um die Stabilität im Euroraum. Akut von der aktuellen Krise betroffen fühlt sich indessen nur jedes sechste Unternehmen. 72 Prozent haben noch keine Beeinträchtigung registriert. „Die aktuelle Skepsis scheint mehr von der kaufmännischen Vorsicht als von der realen Wahrnehmung geprägt“, vermutet Janze.
Im Agribusiness sind Teilbranchen mit höchst unterschiedlichen Produkten und Technologien zusammengefasst. Das Spektrum reicht von der Vorleistungsindustrie über die eigentliche Lebensmittelindustrie und den Handel bis zur Bioenergie-Produktion. Prof. Dr. Ludwig Theuvsen vom Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre des Agribusiness im Department für Agrarökonomie und rurale Entwicklung an der Universität Göttingen erklärt, warum es trotz der Diversität sinnvoll ist, diese Bereiche zusammenzufassen: „In ihrer Entwicklung unterliegen sie alle denselben Einflussgrößen und denselben globalen Megatrends.“ Zusammen setzen sie mit mehr als 600 000 Beschäftigten rund 200 Milliarden Euro pro Jahr um.
Weil das künftige Wachstum dieser komplexen Branche zu einem wesentlichen Teil von ihrer Fähigkeit abhängt, sich die internationalen Märkte zu erschließen, konzentriert sich die Studie in diesem Jahr vor allem auf das Auslandsgeschäft. „Dabei spielt in mehreren Bereichen nicht nur der Export eine wichtige Rolle, sondern zunehmend auch die eigene Produktion im Ausland“, unterstreicht Theuvsen. Das gelte sehr ausgeprägt bereits in der Landtechnikindustrie, wenn sie sich Märkte wie China oder Russland erschließen wolle, aber gleichermaßen für die Saatgutunternehmen, die ihre Vermehrungsprozesse überwiegend in den Zielregionen abwickelten. Von Bedeutung für die Saatguthersteller sei es, dass Forschung und Entwicklung in Deutschland konzentriert sind.
In der Ernährungsindustrie zeichnet sich bereits Ähnliches ab: „Lizenzproduktionen, Joint-ventures und Produktionsstandorte in den Zielmärkten gewinnen zunehmend an Bedeutung“, beobachtet Dr. Christian Schmidt, Geschäftsführer von FMIG. Noch ist die Ernährungsindustrie allerdings der größte Exporteur innerhalb des Agribusiness. Mit knapp 52 Milliarden Euro hat sie 2010 mehr als drei Viertel der Branchenexporte von insgesamt rund 60 Milliarden Euro (plus 7 Prozent) auf sich vereint.
Wichtigster Exportmarkt des Agribusiness ist Europa, das mit fast 55 Milliarden Euro fünf Sechstel der deutschen Ausfuhren aufnimmt. Um eine Dezimalstelle kleiner folgt auf Platz zwei Asien mit 5,5 Milliarden Euro Anteil am deutschen Exportvolumen. Der Abstand zu Europa könnte sich in absehbarer Zeit verringern – allein im Jahr 2010 haben die Exporte in den ferneren Osten um eindrucksvolle 25 Prozent zugenommen. Ein noch stärkeres Wachstum von 31 Prozent verzeichneten die Exporte nach Nord- und Mittelamerika, die sich allerdings mit absolut 2,9 Mrd. Euro absolut noch in Grenzen hielten. Interessant sind in diesem Zusammenhang vor allem die Wachstumsraten von beeindruckenden 18 Prozent auf 1,5 Milliarden Euro nach Afrika und nach Südamerika mit plus 23 Prozent auf
0,6 Milliarden Euro.
„Die Zuwachsraten zeigen es: Das deutsche Agribusiness ist auf den internationalen Märkten durchaus wettbewerbsfähig“, schlussfolgert Schmidt. „Wenn die Unternehmen es richtig anpacken, haben sie große Chancen auf den Weltmärkten.“ Schmidt nennt auch die wesentlichen Trends und Einflussfaktoren: „Das weltweite Bevölkerungswachstum, dessen Ende noch nicht abzusehen ist, die zunehmende Kaufkraft in vielen Märkten, vor allem in heutigen Schwellenländern, neue Verbrauchergewohnheiten und Konsumtrends und nicht zuletzt die zunehmende Mobilität von Waren, Dienstleistungen und Know-how bieten den Firmen des Agribusiness ansehnliche Wachstumspotenziale.“
Bei den Unternehmen liege es nun, ihre Kompetenzen für das internationale Geschäft auf- und auszubauen, so die Autoren der Studie. „Gerade im Geschäft rund um die Ernährung spielen auch kulturelle Einflüsse eine große Rolle, sowohl was die Nahrungsmittel selbst als auch ihre Produktion betrifft. Das geht bis hin zur Landtechnik: In einigen Märkten – sogar in den USA – müssen Landmaschinen einfach und robust sein, in anderen ist High-Tech als Produktivitätstreiber gefragt. Auf solche Unterschiede müssen sich die Firmen einstellen“, stellt Janze fest. Dass für die große Mehrheit der Unternehmen der Weg in die Internatio-nalisierung vorgezeichnet ist, hatte schon die Vorjahres-Studie angedeutet – damals hatten drei von vier befragten Unternehmen diesen Trend für sich selbst klar erkannt.





