Tierwohl: "Da haben wir 80 Millionen Experten"

Drei außerordentlich interessante Vorträge und kritische Fragen an die Politik bestimmten die Veranstaltung „Tierhaltung im Kreuzfeuer“ aus der Reihe „Perspektiven des (Land-)Wirtschaftens“ am Donnerstag (7.11.) im Lehr- und Forschungsgut Ruthe bei Sarstedt. Mehr als 100 junge Landwirtinnen und Landwirte waren aus ganz Niedersachsen angereist und diskutierten mit Politikerinnen und Politikern der im Landtag vertretenden Parteien.

Hermann Grupe (FDP), Vorsitzender des Agrarausschusses im Landtag, zeigte sich in seiner Begrüßung optimistisch: Statt zu jammern und zu klagen hätten die vielen jungen Landwirtinnen und Landwirte, die vor wenigen Wochen mit 18.000 Treckern in die Innenstädte gefahren seien, den Menschen ein Gesprächsangebot gemacht: „Redet mit uns“, sei das Credo der Demonstrationsteilnehmer gewesen. So könne es gelingen, der Landwirtschaft wieder den ihr zustehenden Platz in der Gesellschaft zu verschaffen, meinte Grupe.

Dr. Christian Sürie, Leiter des Forschungsgutes Ruthe, begeisterte die jungen Landwirte anschließend mit einem Vortrag, der eine Fülle von Fakten zur aktuellen wirtschaftlichen und sozio-ökonomischen Lage der Landwirtschaft mit einer kritischen, oft selbstkritischen Haltung zu den aktuellen Entwicklungen verknüpfte. Sürie sprach angesichts der dramatisch zunehmenden Datenmenge, die bei der Digitalisierung der Landwirtschaft gewonnen werde, von einer „Datenernte“ statt einer Weizenernte und fragte: „Nützt uns das?“ Oder nütze es vielmehr der vor- und nachgelagerten Industrie, Zucht- und Saatgutunternehmen, die damit Geld verdienten. Als „dekadent“ bezeichnete der Wissenschaftler die einseitige Züchtung auf Brustfleischmasse bei Masthähnchen. Die durchschnittliche Lebensdauer von 30 Monaten bei Milchkühen sei ein Skandal. „Wollen wir das? Hilft uns das wirklich?“ Diese Fragen stellte Sürie immer wieder in den Raum. Dennoch ist auch Sürie optimistisch: „Die Generation, die jetzt Verantwortung in der Landwirtschaft übernimmt, ist so stark und so gut ausgebildet, dass ich sehr gespannt bin auf die Zukunft“.

Auf die aktuelle Diskussion um das Tierwohl ging anschließend Prof. Dr. Peter Kunzmann von der Tierärztlichen Hochschule Hannover ein. „Was den Umgang mit Tieren angeht, haben wir 80 Millionen Experten in Deutschland“. Jeder Bürger fühle sich bei diesem Thema nämlich als Experte, stellte Kunzmann fest. Gegen diese „Kompetenzanmaßung“ hätten die Landwirte mit Sachargumenten keine Chance, so seine nüchterne Feststellung. Es gehe in der Diskussion auch gar nicht um Fakten. „Der Streit um die Nutztierhaltung ist ein Streit über den moralischen Rang von Tieren“, lautet seine These. Machen Sie klar, dass es Tierwohl und guten Tierschutz nur mit den Landwirten in Deutschland gibt, empfahl er.

Wie das gehen kann, stellte Stefan Teepker als letzter Redner vor. Der 39-jährige Landwirt aus Handrup im Emsland hat ein umfassendes Kommunikationskonzept entwickelt und setzt es in seinem Betrieb seit einigen Jahren erfolgreich um. Gelernt hat er aus den Erfahrungen, die er beim Bau von drei Hähnchenställen gemacht hat. Dabei musste er sich sowohl mit lokalen Bürgerinitiativen als auch mit nationalen NGO wie dem NABU auseinandersetzen. Unabdingbar sei ein offener und transparenter Umgang mit Problemen, die schließlich jeder mal habe, und vor allem die kontinuierliche und aktive Kommunikation. Selbstverständlich nutzt Teepker professionell die sozialen Medien, empfängt Besuchergruppen und engagiert sich im gesellschaftlichen Leben seines Heimatortes. Sogar ein eigenes Logo für seine Produkte hat er entwickelt.

„Mir fehlt in Niedersachsen die politische Entscheidung, Themen werden aufgeworfen, Niedersachsen prescht vor, doch es wird nicht entschieden“, lautete eine Wortmeldung, die die Kritik an der Politik in der abschließenden Diskussion zwischen dem Publikum und den Landtagsabgeordneten Helmut Dammann-Tamke (CDU), Miriam Staudte (Bündnis 90/Die Grünen), Dr. Stefan Birkner (FDP) und Karl Heinz Hausmann (SPD) gut zusammenfasst. Helmut Dammann-Tamke wies da unter anderem auf einen dramatischen Mangel an Experten in den zuständigen Behörden hin: „Da können Sie so viele Stellenausschreibungen formulieren wie sie wollen, diese Experten gibt es einfach nicht. Dr. Stefan Birkner machte unter anderem die Uneinigkeit der Bundesregierung dafür verantwortlich, dass politische Entscheidungen oft so lange auf sich warten ließen. Auch auf Ebene der Bundesländer und auf europäischer Ebene gebe es zu viele unterschiedliche Interessen, die ein abgestimmtes und schnelles Vorgehen behinderten, so die Antworten der Politiker.

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